Schwester meines Vaters, verehrt und geliebt von allen, die sie kannten. Sie streichelte sanft meine Hand, die ich in meinem Schmerz in die ihre legte, und sprach so liebe Trostesworte zu mir, daß ich mich bald etwas beruhigte, denn an der Seite einer so lieben Gefährtin war ich gewiß nicht so verlassen, als es mir bisher erscheinen wollte. Jetzt fuhr der Wagen einem Gehölz zu, das auf der Höhe sich weit hinzog, und noch einen letzten Blick sandte ich zurück nach meinem lieben Dorfe. Der Kirchthurm und die kleinen Bauerhäuser alle blickten mich so freundlich an, die grünen Fensterladen am Giebel unseres Hauses konnte ich noch ganz deutlich erkennen, mir war, als wehte von dort ein weißes Tuch herüber, und wehmüthig erwiderte ich den Gruß. Dann entzogen mir die Bäume neidisch alle weitere Aussicht, und ich hing still meinen Gedanken nach, in denen mich die Tante auch wenig störte. Nach einigen Stunden waren wir in Magdeburg, von wo die Eisenbahn uns der Residenz zuführen sollte. Hier trennte sich der letzte Bote aus dem Vaterhause von mir, der alte treue Kutscher Friedrich, mit den lieben beiden Braunen, die ich so oft selbst an der Leine gehabt, wenn wir auf das Feld hinaus fuhren, Getreide oder Heu einzuholen. Tausend, tausend Grüße trug ich ihm noch auf für jeden Einzelnen in Schreibersdorf, immer wieder streichelte ich die Pferde und gab ihnen noch ihre Leckerbissen, Weißbrod und Zucker, strich zärtlich über die blauen Sitzkissen der lieben weichen Chaise und verfolgte dann mit Thränen im Auge lange noch die Staubwolke, die hinter dem fortrollenden Wagen dahinzog. Ein Spaziergang, den ich mit der Tante durch die Stadt und deren Umgebung machte, zog mich endlich von meinen trüben Gedanken etwas ab, und die Fahrt auf der Eisenbahn durch Gegenden, die mir noch fremd waren, zerstreute mich sehr wohlthätig. Die Tante verstand es gar zu gut, die Aufmerksamkeit rege zu erhalten für alles, was an uns vorüberzog, und auch die Reisegesellschaft beschäftigte meine Gedanken vielfältig. Endlich öffnete die Tante sogar eine Schachtel mit allerlei leckern Früchten und Kuchen, die Mama ihr heimlich für mich mitgegeben, und der reiche Inhalt derselben zeigte mir so ganz das liebe, sorgliche Mutterherz, das ihrem Kinde auch in der Ferne noch Freude machen wollte. Ich war wirklich noch Kind genug, um mit diesen köstlichen Leckerbissen meine letzten Thränen hinab zu schlucken, und so hatte meine beste Mama den Zweck erreicht, den sie damit im Sinne gehabt. Hellen Auges zog ich endlich der großen Stadt entgegen, die sich jetzt vor uns ausbreitete, und mit neugierigen Blicken schaute ich mich in den Straßen um, durch welche wir dann fuhren. Die schönen Häuser und glänzenden Kaufläden erregten meine volle Bewunderung, hohe Statuen sahen hier und da ernst zwischen grünen Bäumen hervor, breite Brücken führten über den Fluß, der die Stadt durchschnitt, und stattliche Kirchen und Paläste blickten stolz und würdig auf mich armes Landmädchen hernieder. Alles verkündete die Hauptstadt, die Residenz eines großen Fürsten. Endlich hielt der Wagen in einer der breiten Straßen vor einem freundlich aussehenden Hause, das nicht so hoch in den Himmel hinein ragte als seine Nachbarn, die mir ordentlich das Herz bedrückten durch ihre unzähligen Fenster. Hier in der gewaltig großen Stadt, wo so zahllose Menschen Platz finden wollten, mußte man freilich hoch in die Luft hinein bauen; selbst die Keller der Häuser, in welchen bei uns kein Mensch sich aufhalten möchte, sah ich von unzählig viel Familien bewohnt, und kein Plätzchen schien unbenutzt gelassen. Das hübsche Haus der Tante hatte nur wenig Mitbewohner und sprach durch sein zierliches sauberes Ansehn von Wohlstand und Behaglichkeit. Ein kleiner schattiger Garten umschloß seine Rückseite,...
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Oliver Moore
7 months agoI wasn’t plannig to read this, yet the writing remains engaging even during complex sections. I’d rate this higher if I could.